Tunnelblick


Steineklopfen-Gedicht Nr. 3288 – Tunnelblick



Es klebt der Schweiß, das Hemd ist feucht
Mit 190 nachts im Tunnel
Die Deckenlichter fliegen nur vorbei
Du wartest auf Gelegenheiten

Du würdest kurz das Lenkrad drehen
Egal wer dann entgenkommt
Alle Chancen liegen hinter dir
Ob Nacht, ob Tag ist einerlei

Ja, du warst dabei im Mob
Als die Fensterscheiben klirrten
Als die Pflastersteine flogen
Hast geplündert – doch wozu?

Hast gesehen, wie gemordet wurde
Bist an Sterbenden vorbeigerannt
Chaos wolltet ihr, und Chaos kam
Die Mächtigen, sie sollten stürzen


Es waren nur die Kleinen –
Die Unscheinbaren – sind verblutet
Die Mächtigen sind alle abgehaun
Ihre Konten längst verschoben


Und einer kommt dann stolz zurück
Erklärt, es gebe eine Zukunft
Endlich Ruhe, endlich wieder Frieden
Er war es, der die Lunte glimmen ließ

Er war es, der die Stimmung roch
Der jedem in den Hintern kroch
Der seine Strategien sorgsam plante
Der den Aufruhr zeitig ahnte

Und du – du fährst davon
ganz ohne Ziel – Es war dir alles viel zu viel
Du glaubst, es gibt jetzt kein zurück
Mit deinem engen Tunnelblick

Es wird wohl Nacht sein, dort am Ende
Auch war es Nacht beim Schreien nach ‘ner Wende
Nein – du wirst es anders machen
Du wirst am nächsten Morgen dann erwachen

Du wirst in seiner Nähe sein
In seiner Aura eine kleine Nummer
Hast keine Angst, hast keinen Kummer
Du lernst und wartest, wahrst den Schein

Du hast den Durchblick rasch gewonnen
Deine Stunde wird dann kommen
Aus Chaos kann jetzt wieder Neues wachsen
Doch die Natur hat ihre Eigenheiten

Und du kennst die Gelegenheiten
Und du kannst sie mit neuen Werten vorbereiten
Und du kannst reden ohne nur zu streiten


Am Tunnel draußen hat man dich geblitzt
Auf der Foto lächelst du verschmitzt
Verflogen ist dein Tunnelblick


30. Juni 2020




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