Im Spital Gedichte schreiben?


Verdrängen, vergessen, sich davonschleichen: das sind Mechanismen, die ich ab und zu auch kenne. Eine Methode besteht zum Beispiel darin, sich selbst als Figur in einer Szenerie zu betrachten ohne gar nicht wirklich beteiligt zu sein. Und dann so tun, als sei man diese Figur. Wie in dieser Lyrik:


kann man im spital gedichte schreiben
wenn im wartezimmer neue kommen, andre bleiben
wenn immer wieder jemand nach dem namen fragt
in einer ecke dieser über schmerzen klagt


du bist von allen einer, nicht gesund
du trägst die covid-maske, hältst den mund
doch die gedanken wollen ständig kreisen
möchten mit dir weit verreisen

das neonlicht im fensterlosen raum
ist kühl und auch geräusche gibt es kaum
jeder schaut hier leidend oder wichtig
die aussenwelt so weit entfernt und nichtig


es kommen neue und die assistentin fragt
den hinten, der am ärgsten klagt
ob er im formular die kreuzchen schon gesetzt
ihr blick ist flackernd und ihr gang gehetzt

mittlerweile füllt es sich, das kleine zimmer
auch deine schmerzen werden langsam schlimmer
du träumst vom nachher und suchst eine list
dass du nicht hier, vielleicht an einem bergsee sitzt

fünf wochen später dann am kleinen see
ist alles so vergangen wie vom letzten jahr der schnee
wie gut, dass du gelernt hast, zu vergessen
du stehst jetzt auf – die frau ruft grad zum essen


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