Gläserne Gewissheit

Die Geschichte und die persönlichen Geschichten verschmelzen manchmal. Und es gibt Geschichten, die sich als Erlebnisse melden. Als Erlebnisse, die nicht aus diesem Leben stammen. Das nenne ich «gläserne Gewissheiten».



Steine durfte er behauen
Ja, am Ofen Mauern setzen
Und auch die Schmelze mitbefeuern
Das Glas sogar zum Maler bringen


Vorerst sah er nur dies Bild im Glas
Begnet ihr am Waldrand dann
In der Kutsche sie vergnügt
Er, bespritzt mit Schlamm der Wagenräder

Da war auch noch die Andere
Noch schöner das Geheimnis ihrer Augen
Beim Fest im Dom am Türeingang
Trafen ihre Augen kurz die seinen
Es war, als wären es Jahrhunderte gewesen

Nie hätte er als Glasgeselle je gedacht
Dass sie sich ihm verbunden fühlte
Als heimlich sie bei Nacht sich trafen
War das Verbotene in Dämmerung gehüllt


Doch bald darauf, da wurde er gefasst
Verraten von der Magd der Jungfer
Bezichtigt der Entführung und Gewalt
Und ward gehängt am dritten Tag danach


Nach Reisen durch Jahrhunderte
Durch weitre Lebensläufe, Sterben
Sieht er das Glas und diese Bilder
Erkennt Geschichte, ahnt Bezüge


Die Liebe ist wie ein Geschoss
Ihm tief ins Herz gedrungen
Er hat Gewissheit hier und jetzt
Das alles wiederkehrt – Bedeutung hat


Noch lange schwindelt ihm, sein Blick
Verschwimmt im Glas und in den zeiten
Und als er geht, benommen Schritt für Schritt
Ist er ein Anderer in der Geschichte

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